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Artikel: Winterdüfte

Winter fragrances

Winterdüfte

„Winter duftet heute Nacht nach Frühling.“ Dieser Vers aus der Lyrik von Charles Guérin mag jedem banal erscheinen, der nicht darauf achtet, wie die Jahreszeiten duften. Für diejenigen aber, die es tun, ist er ausgesprochen vielsagend.

Wonach riecht der Winter eigentlich? Wenn kalte Winde aus dem Polarkreis über Europa herabziehen, scheint unsere Atmosphäre immer duftscheuer zu werden – alles, was wir jetzt noch riechen, ist die Stille des Schnees, der Duft von Fichten, glücklicherweise recht häufig auch der von Mimosen und vor allem der intensive, behagliche Geruch brennender Holzscheite im Kamin. 

Und doch hört man diese Frage unter Duftkennern oft: Was sollten wir diesen Winter tragen?

Die Parfumindustrie stellt ihre Kollektionen ebenso wie die Modebranche nach dem Muster der Frühjahrs-/Sommer- und Herbst-/Wintersaison zusammen und ordnet ersterer eine florale, zitrische Anmutung zu, letzterer den Duft von Balsamen, Gewürzen und Amber. Aber ist das wirklich berechtigt? Schon ein paar Sommertage in den Golfstaaten genügen, um festzustellen, dass man dort mehr Amber, Safran und Oud riecht als Zitrusfrüchte und andere Früchte. Das Gegenteil unserer westlichen Gewohnheiten.

Wonach riecht der Winter also? Warum scheinen unsere Düfte zu verstummen, sodass der Winter im besten Fall „nach Frühling duftet“? Was sollten wir dann tragen, was wäre am besten geeignet? Suchen wir gemeinsam nach Antworten – direkt dort, wo sie liegen ... in unserer Nase.

 

„Stille am Himmel, Stille auf Erden“

Das offensichtlichste Merkmal der kalten Jahreszeit ist, dass wir nur wenig von ihr riechen. Sobald Schnee fällt, sind wir überrascht von einer wahren Stille, die sich auf unsere Sinne legt. Geräusche werden gedämpft, die kristallklare Luft trägt nichts als eisige Kälte zu unseren Nasen, unsere tauben Hände spüren nichts als den Biss des Winters, und gewiss schmeckt uns unser Wein weniger gut als auf einer Terrasse im Juli. 

Was den Geruchssinn angeht, ist diese „winterliche Stille“ sehr real und lässt sich durch zwei wesentliche Faktoren erklären: Luftfeuchtigkeit und Flüchtigkeit. Denn, wie ein Parfümeur einmal bekannte, „riechen wir nicht so sehr einen Stoff als vielmehr die Luft darüber“. Daher ist es an der Zeit, kurz zu erklären, wie unser Geruchssinn funktioniert. 

Am Anfang eines Parfums steht ein Molekül oder vielmehr eine Gruppe von Duftmolekülen, die sich in Luft oder Wasser lösen und zum Riechepithel transportiert werden, das den oberen Teil unserer Nasenhöhle auskleidet. Dort werden die Moleküle im Epithel von den Riechhärchen aufgenommen und über unsere Geruchsrezeptoren an die Riechneuronen gebunden. Diese leiten die empfangenen Informationen an unser Gehirn weiter, damit es sie interpretieren und unser Geruchsgedächtnis aktivieren kann. Der Knackpunkt: Unsere Riechhärchen sind von einer schützenden Schleimschicht umgeben – und genau da liegt das Problem. 

Damit die Moleküle ihre Geruchsrezeptoren erreichen, müssen sie sich zunächst an ein bestimmtes Protein binden. Sowohl diese Proteine als auch die Schleimschicht sind in ihrer Funktion stark von der Luftfeuchtigkeit abhängig. Trockene Luft bedeutet eine trockenere Schleimschicht, und eine trockenere Schleimschicht bedeutet, dass die Bewegung der geruchsbindenden Proteine gewissermaßen behindert wird. Es ist allgemein bekannt, dass die Luft im Winter deutlich trockener ist als im Sommer. Das erklärt, warum wir im Winter weniger zu riechen scheinen und manche Gerüche im Sommer wiederum „intensiver“ sind.

Doch das ist nicht der einzige Grund, warum der Winter weniger duftend ist.

Haben Sie sich je gefragt, warum Städte im Sommer so übel riechen? Denken Sie an die nach Schlamm und Sumpf stinkenden Gassen Venedigs oder an dunkle Gassen in einer sommerheißen Stadt, in denen der Gestank von Abwasser und Urin aufsteigt.

So wie unser Epithel bei der trockeneren Winterluft weniger gut in der Lage ist, Duftmoleküle „einzufangen“, geben auch die Moleküle selbst ihre Düfte bei niedrigen Temperaturen weniger bereitwillig ab. Mehrere Studien haben tatsächlich gezeigt, dass Bäume und Blumen bei höheren Temperaturen mehr Moleküle freisetzen.

Im Winter riechen wir also nicht nur schlechter, sondern nehmen insgesamt weniger Düfte wahr, weil die Feuchtigkeit fehlt, die die ohnehin wenigen Duftmoleküle zu unseren Geruchsrezeptoren transportiert.

 

„Staunen bewahren“

Angesichts dieser Beobachtungen könnten wir versucht sein, unserer gewohnten Winterroutine treu zu bleiben und uns mit einer weniger duftenden Jahreszeit abzufinden. Doch es gibt einige Möglichkeiten, dieses Problem zu umgehen. Eine davon ist, auf einen anderen für unseren Geruchssinn wichtigen Nerv zu setzen: den Trigeminusnerv. Er ist verantwortlich für das Frischegefühl beim Einatmen von Kampfer oder Menthol, für die Schärfe von Pfeffer und rosa Beeren, die Säure von Zitrusfrüchten und die würzige Note von Thymian, Majoran oder Oregano. Studien mit Phenylethylalkohol, der hauptsächlich für den Rosenduft verantwortlich ist, haben außerdem den Zusammenhang zwischen der Aktivität des Trigeminusnervs und der des Riechnervs hervorgehoben: Wird ersterer stimuliert, wird letzterer empfindlicher.

Entgegen aller Erwartungen eignen sich also gerade jene Düfte, die wir so selbstverständlich mit dem Sommer verbinden, besonders gut für den Winter. Statt sie nur zu riechen, könnten wir sie auch spüren und uns darauf verlassen, wie unser Gehirn Düfte und Empfindungen miteinander verknüpft, um unseren Riechnerv zu stimulieren – und unseren Geist in seinem eigenen Netz gefangen zu halten. Sie werden vielleicht überrascht sein, wie lebendig, frisch, spritzig und würzig Ihre „Sommerdüfte“ im Winter wirken. 

Dieser Ansatz mag kontraintuitiv erscheinen, ist mit Blick auf den Geruchssinn selbst jedoch durchaus logisch. Eine perfekte Gelegenheit, Düfte wiederzuentdecken, die oft als „leicht“ beschrieben werden, und ihre flüchtige Frische zu genießen. 

Wenn Sie sich im Winter jedoch nicht von der Behaglichkeit Ihrer Amberdüfte, Ihrer nostalgisch-süßen Gourmand-Düfte und Ihrer umhüllenden holzigen Düfte trennen möchten, gibt es noch eine andere Möglichkeit: die Raumluft mit Duft anzureichern, um auszugleichen, wie die Kälte die Entfaltung ihrer Moleküle beeinflusst. Das bedeutet ein etwas intensiveres Parfumritual als sonst – etwa, indem Sie Ihre Kleidung beduften oder Öle beziehungsweise Absolues verwenden, die zwar weniger flüchtig, dafür aber umso beständiger sind und Ihnen so das Gefühl geben, Ihr Parfum halte den ganzen Tag lang. 

Da sich unser Geruchssinn an die Düfte unserer Umgebung gewöhnt, kann es für die Trägerin oder den Träger angenehm sein, die eigene Duftgarderobe in dieser Jahreszeit zu variieren und von einem Amberduft zum nächsten zu wechseln, um den Geruchssinn nach und nach zu überraschen.

 

 

„Weicht, ihr düsteren Schatten“

Wie sähe also unsere ideale Auswahl für diesen Winter aus? Ausgehend von dem Gesagten könnten wir von Histoires de Parfums Ihnen drei Düfte empfehlen: einen anregenden, einen behaglich-umhüllenden und einen dritten, der beide Stimmungen vereint. 

This is not a Blue Bottle 1/.6 wäre die überraschendste und zugleich stimmigste Wahl. Seine Fülle an Zitrusnoten, herben Zesten und Phenylethylalkohol hat alles, um Ihre Nerven ordentlich wachzurütteln. Der Eindruck ist der eines unberührten Lichts, einer hagelsteinartigen Reinheit, die in der Basisnote mit ätherischen Moschusnoten und umhüllendem Cumarin behaglich ausklingt. 

Ambre 114 ist ideal für alle, die Wärme suchen. Das fein abgestimmte Gleichgewicht zwischen Balsamnoten und Vanille macht ihn perfekt, um ihn „großzügig“ aufzutragen, ohne sich von ihm erdrückt zu fühlen. Seine Eröffnung mit Thymian und Geranie wird zudem Ihren Trigeminusnerv stimulieren – genug, damit der Duft sich Ihrer Nase bemerkbar macht, ohne sie zu überfordern.

Schließlich erweist sich 1725 als harmonische Verbindung: Seine zitrische Kopfnote wird von der kampferartigen, floralen Wirkung des Lavendels erhellt, während sich die milchige Basis aus Mandel und Sandelholz auf einem Gerüst aus Farnnoten entfaltet – Geranie, Moos und Vetiver.

 

Doch wie immer bei Parfums gilt: Unsere Histoires werden erst dann besser, wenn sie zu Ihren werden ...

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