
Eine Geschichte über ... Chypre.
Der Herbst hält Einzug und mit ihm die Vielfalt seiner charakteristischen Düfte. Die Luft, erfüllt vom Duft nach Moos und feuchter Erde, nach abgefallenem Laub, reifen Pilzen und getrockneter Herbstzeitlose, lädt uns ein, die reichste, rätselhafteste, zarteste und unterschätzteste Duftfamilie überhaupt zu entdecken: die Chypre-Düfte.
Obwohl der Begriff im Französischen bereits seit dem 14ten Jahrhundert verwendet wird, erhielt er seine heutige Bedeutung erst nach 1917: ein Parfum, das auf einer Akkordkomposition aus Bergamotte, Rose, Jasmin, Labdanum, Eichenmoos und Patchouli beruht. In diesem Jahr revolutionierte ein Mann die Welt der Parfümerie. Sein Name? François Coty.
1874 auf Korsika geboren und in Grasse ausgebildet, entdeckte Coty die Welt der Parfümerie inmitten eines entscheidenden Wandels. Die wachsende Beliebtheit von Eau de Cologne ebnete den Weg für leichtere, kristallinere Düfte, in denen Blumen und Aromastoffe stärker hervortraten als Harze und animalische Noten. 1904 kreierte er Rose Jacqueminot, das Parfum, das ihn berühmt machte, als er mit Absicht einen Flakon auf dem Boden des Grands Magasins du Louvre zerschmetterte. Der Geschichte nach waren die Kunden von dem Duft so begeistert, dass er noch am selben Tag ausverkauft war. In den folgenden zehn Jahren experimentierte Coty, folgte den Trends seiner Zeit, prägte sie und perfektionierte sie. Aus seiner Kreativität erwuchs ein gesunder Wettstreit mit Aymé Guerlain. 1917 jedoch versuchte Coty, ein altes, sibyllinisches Genre neu zu erfinden, und lancierte seinen Chypre.
Denn er war nicht der erste französische Parfümeur, der einen solchen Duft kreierte. Bereits 1850 schuf Guerlain das Eau de Chypre, Rimmel brachte 1880 sein eigenes heraus und Lubin 1898, bevor Guerlain 1909 mit einem weiteren Duft, Chypre de Paris, nachlegte. Coty führte also eine bekannte Tradition fort – mit dem einzigen Unterschied, dass sein Stil die Geschichte der Parfümerie grundlegend verändern, ein neues Genre begründen und Meisterwerken den Weg bereiten sollte.
Denn die Chypre-Düfte, die Coty kannte, bezogen sich nicht auf einen bestimmten Akkord. Der Gattungsbegriff bezeichnete vage einen Kontrast zwischen dunklen und hellen Ingredienzen – so vage, dass die Bedeutung des Wortes bis heute umstritten ist. Manche vermuten einen Bezug zur Insel Zypern, andere leiten den Begriff vom lateinischen Namen der Erdmandel „Cyperus esculentus“ ab, wieder andere glauben, er verweise auf das „Moos von Zypern“, ein weißes Eichenmoos, das schon in der Römerzeit bekannt war.

Der griechischen Mythologie zufolge wurde Aphrodite auf Zypern geboren, der „Insel der Schönheit“, auf der zahlreiche Tempel ihr gewidmet waren, darunter der berühmte Tempel von Paphos. Diese Verbindung zwischen Aphrodite und Zypern könnte das Interesse an der Parfümherstellung erklären: Die Düfte dienten nicht nur dazu, die Statuen der Göttin zu salben, sondern auch die Jungfrauen der Insel. Über Jahrhunderte verfeinerte Zypern seine Parfümeriekunst im Austausch mit fremden Kulturen und wurde im Mittelmeer als „Insel der Düfte“ bekannt.
Eines steht fest: Zypern war eine Inspirationsquelle für Parfümeure. Während Eau de Chypre mit seiner Fülle an Aromastoffen und Labdanum an die Küste Zyperns erinnert, scheint Cotys Chypre hingegen der Traum eines Ästheten gewesen zu sein, der seine Epoche prägen wollte. Die schlichte Verbindung von Kopf- und Basisnoten sollte es der Chypre-Familie ermöglichen, sich immer wieder neu zu erfinden – auf Chypre folgten Mitsouko, Miss Dior, Aromatics Elixir, Kouros und in jüngerer Zeit unsere Kreationen 1876 und Noir Patchouli. Auch wenn sie weder an die Insel noch an das Moos erinnern sollten, sind sie im Grunde Chypre-Düfte.

1876 entfaltet seine sinnliche Klarheit, Noir Patchouli bringt seine geheimnisvolle Transparenz zum Ausdruck.



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